Selbstversuch: Rollerfahren in Neapel

Betreff: Selbstversuch Neapel. 
Gerät: Ein 300er Sym-Asphalt-Hobel. 
Ziel: Überleben, ohne von einer dreiköpfigen Familie auf einer Vespa ohne Auspuff hergebrannt zu werden.

Mit einem 300er Sym eine Woche durch Neapel und Umgebung

Das Experiment: Survival of the Schnellsten

Wenn unser Chefredakteur beschließt, den Schreibtisch gegen den Lenker zu tauschen, tut er das gewöhnlich nicht auf einer bekannten Rennstrecke in der Steiermark, sondern direkt am Epizentrum des motorsportlichen Wahnsinns: Neapel.

Die Aufgabenstellung war denkbar simpel: Ein Miet-Scooter, ein Helm und die Frage: Wie fährt sich’s in einer Stadt, in der die StVO offensichtlich nur als unverbindliche Wahlempfehlung aus den 80ern gilt?

Die Antwort nach drei Minuten im Kreisverkehr an der Piazza Pizza Marinara:  Bist du gelähmt. bist du denn deppad, was geht denn hier ab...

Die ungeschriebenen Gesetze von Neapel

Vergiss Fahrschulen. Vergiss Rechts vor Links. In Neapel gelten exakt zwei physikalische Grundgesetze:

Wer bremst, verliert.

Wer im Stadtgebiet unter einem Hunderter auf der Uhr hat, gilt offiziell als Wappler und Hindernis im Berufsverkehr.
 

Die Lady hat uns rechts überholt, wir mit 80

Rote Ampeln? Ein stimmungsvolles Dekorationselement für die Abendstunden. Stoppschilder? Maximal eine freundliche Empfehlung, eventuell kurz die Hupe zu betätigen, bevor man mit Vollgas in die Kreuzung sticht. Die Spuraufteilung wird nach Gefühl, Luftfeuchtigkeit und Aggressivität des Hintermanns im Sekundentakt neu verhandelt. Wer hier zögert, wird gnadenlos aufgeraucht, vorzugsweise von Müttern, die freihändig mit dem Einkaufssackerl am Lenker und zwei Kindern am Sozius mit Tacho 90 durch die Gasse brennen.

Die Statistik-Anomalie: Das Chaos überlebt sich selbst

Das Skurrile an der ganzen Geschichte offenbart sich erst, wenn man den österreichischen Paragrafen-Blick auspackt und die Unfallstatistiken vergleicht:

Österreich (Die Regulierungs-Hölle): Wir haben Radarboxen im Zehn-Meter-Abstand, Section Controls, Rettungsgassen und Strafzettel für Falschparken, die dein Monatsgehalt auffressen. Ergebnis? Eine saubere, hochregulierte Statistik, aber überraschend viele Unfälle, weil hierzulande jeder stur auf sein "gutes Recht" pocht, oder die Motorik Saisonbedingt immer wieder in den Keller sinkt.

Neapel (Die Vollgas-Anarchie): Wenn man sich das Getümmel ansieht, müsste statistisch eigentlich alle drei Sekunden ein Scooter in ein Schaufenster einschlagen. Aber weit gefehlt: Trotz gefühlt dreimal höherer Roller-Dichte im Vergleich zu Wien liegt die tödliche Unfallrate im Stadtverkehr oft auf verblüffend ähnlichem Niveau. (Ist nicht nur gefühlt)

Warum? Weil in Neapel jeder damit rechnet, dass jeden Moment aus jeder Richtung jemand völlig schmerzbefreit reinschießt. Der Neapolitaner fährt nicht nach Regeln, sondern mit 100 % Überlebensinstinkt und permanentem Auge-in-Auge-Kontakt. Wenn alle chaotisch fahren, wird das Chaos zum System.

Im Pulk, die Pulsuhr zeigt 110

Fazit: Kampfausbildung für den Alltag
Wir kamen mit hochrotem Kopf, erweiterten Pupillen, aber einem breiten Grinsen jedesmal ins Hotel zurück. Das Urteil: Wer in Neapel eine Woche lang fehlerfrei den Gashahn auf Anschlag hält und unverletzt bleibt, kann in Wien oder Graz entspannt im Schlaf durch den Frühverkehr cruisen.

Ein Hoch auf die italienische Lebensfreude und das ungeschriebene Gesetz der Straße: Augen zu, Hupen, durch!


In Neapel gibt es schätzungsweise rund 500.000 Roller und Mopeds.  

Bei einer Einwohnerzahl von knapp unter einer Million im Stadtgebiet kommt damit statistisch gesehen auf jeden zweiten Neapolitaner ein Motorroller vom Kleinkind bis zur Großmutter. Rechnet man den Großraum (Metropolregion) dazu, liegt die Gesamtzahl auf den Straßen noch deutlich höher. Damit hat Neapel weltweit eine der höchsten Roller-Dichten pro Kopf im städtischen Raum.

In Wien schaut die Welt ganz anders aus:

In ganz Wien sind aktuell nur rund 40.000 bis 45.000 motorisierte Zweiräder (Motorräder, Roller und Mopeds zusammen) zugelassen.Rechnet man das auf die knapp 2 Millionen Einwohner um, ergibt das:Wien: ca. 1 Roller/Motorrad auf 45 Einwohner (und ein Modal-Split-Anteil am Alltagsverkehr von gerade einmal rund 1 %).  Neapel: ca. 1 Roller auf 2 Einwohner.  In Neapel rollen also auf vergleichbarer Stadtfläche gut zehnmal so viele Scooter durch die Gassen wie in Wien, was das sprichwörtliche „Rudel-Bumsen“ an den Kreuzungen Süditaliens recht anschaulich erklärt.

Quelle: Vistanet.it, Stadt Wien


Link: 

Scooter ausborgen , direkt am Flughafen
https://maps.app.goo.gl/ahidp7zjEDyDPYs67

Tags