Nach den neuesten Meldungen aus Austin, Texas – einem Ort, der normalerweise für Cowboys und zu große Hüte bekannt ist – hat sich besagter Martín für Letzteres entschieden. Die Ausgangslage war, wie man bei uns im Kaffeehaus sagen würde, eher suboptimal. Der junge Mann startete vom siebten Platz, was in etwa so ist, als versuche man, eine Theaterpremiere von der Garderobe aus zu rezensieren. Doch Martín, gesegnet mit jenem göttlichen Starrsinn, den man sonst nur bei Finanzbeamten findet, traf eine einsame Entscheidung: Er wählte den Reifen der mittleren Härte.
„Warum tust du das, Jorge?“, schienen die mitleidigen Blicke seiner Mechaniker zu fragen. Doch der Spanier schwieg und tat das Einzige, was in einer solchen Situation hilft: Er fuhr Motorrad, als hätte er es bei einem Videospiel für Halbwüchsige gelernt.
Während sich die Konkurrenz in Gestalt der Herren Márquez und Bezzecchi gegenseitig in den texanischen Staub beförderte – man gönnt sich ja sonst nichts –, pflügte Martín durch das Feld. Er überholte den wackeren Pecco Bagnaia mit einer Beiläufigkeit, die fast schon an Unhöflichkeit grenzte, und sicherte sich den Sieg im Sprintrennen.
Doch nun, liebe Leser, kommen wir zum Kern des menschlichen Dramas.
Ein gewöhnlicher Sterblicher hätte den Sieg wohl mit einem Glas Wasser und einem tiefen Seufzer gefeiert. Nicht so Martín. In einem Anfall von überschäumender Lebensfreude, die vermutlich auf den übermäßigen Konsum von Erfolg zurückzuführen ist, riss er seine Maschine zu einem sogenannten „Wheelie“ empor. Er fuhr auf dem Hinterrad, als wollte er den Ingenieuren beweisen, dass das Vorderrad eine völlig überbewertete Erfindung der Industrie sei.
Er fuhr und fuhr. Er passierte die Ziellinie in einer Einrad-Pose, die jedem Zirkusdirektor Tränen der Rührung in die Augen getrieben hätte. Doch dann geschah es: Bei einer Geschwindigkeit von etwa 220 Kilometern pro Stunde – ein Tempo, bei dem meine Wenigkeit bereits beim bloßen Gedanken an eine Autobahnfahrt das Testament ändert – verließ ihn das Glück. Das Motorrad, offenbar beleidigt durch die Vernachlässigung seiner vorderen Gliedmaßen, beschloss, sich eigenständig zu machen.
Jorge Martín stürzte. Er purzelte über den Asphalt, während seine Ducati wie ein abgeschossenes Projektil in Richtung Horizont davonstob.
Das Erstaunlichste an dieser Geschichte ist jedoch nicht der Sturz selbst, sondern der Zustand des Fahrers danach. Er stand auf, klopfte sich den Staub von der Kombi und erklärte den herbeigeeilten Reportern mit einem strahlenden Lächeln, er sei „unter Schock“ gewesen vor lauter Freude. Dass er soeben ein Vermögen an Carbon und feinster italienischer Technik in den Straßengraben befördert hatte, schien ihn weniger zu kümmern als die Tatsache, dass er nun WM-Führender ist.
Er beklagte sich lediglich , dass man ihm in sechs Jahren MotoGP noch keine „Wheelie-Bedienungsanleitung“, gegeben hätte. Vielleicht, so hofft er, wird sein zukünftiger Arbeitgeber Aprilia ein Einsehen haben und ihm ein Motorrad bauen, das auch dann nicht umkippt, wenn der Fahrer vor lauter Begeisterung vergisst, dass die Schwerkraft kein bloßes Gerücht ist.
Wir ziehen den Hut. Nicht vor der Vernunft, sondern vor Jorge Martín, dem Mann, der erst gewinnt und sich dann – aus reiner Höflichkeit gegenüber dem Schicksal – höchstpersönlich von der Piste wirft.
„Ich bin zurück, jetzt bin ich wieder da“, sagt Jorge mit einem breiten Grinsen zu Sky . „Nach dem Sieg war ich total geschockt. Ich dachte nur: Du hast es geschafft, du hast es geschafft, du hast es geschafft… Ich bin es nicht gewohnt, von hinten zu gewinnen, aber das hier ist noch besser, weil alles viel riskanter ist. Ich habe nicht groß über das Überholen nachgedacht, ich bin einfach losgefahren. Und dann war ich einfach nur glücklich, habe gefeiert und einen Wheelie gemacht, was heutzutage ja nicht mehr geht. Aber ich habe nicht weiter darüber nachgedacht. Ich habe gesehen, dass es nicht hochgeht… zweiter, dritter, vierter Gang… Ich bin ein großes Risiko eingegangen und habe die Kontrolle über das Vorderrad verloren! Das Team tut mir leid, weil sie jetzt an einem Tag arbeiten müssen, an dem es eigentlich nur etwas zu feiern gab. Aber sie waren glücklich, mir geht es gut und ich habe mich nicht verletzt. Ich war im vierten Gang bei über 200 km/h unterwegs. Verdammt, ich fahre seit sechs Jahren MotoGP und die haben mir noch nie eine Anleitung für Wheelies geschrieben. Vielleicht macht Aprilia das ja noch!“