Die Überlebenden – Die Unsterblichen von Bray Hill
Kann man auf Kurse, die absolut keine Fehler verzeihen, jahrzehntelang mit 300 km/h zwischen zwei Bäckereien hindurchfeuern und trotzdem alt werden? Die Antwort lautet: Ja, aber du brauchst Nerven aus Drahtseil, Reflexe wie eine Kobra und das Auge eines Falken.
Da wäre zum Beispiel Giacomo Agostini. 15 Weltmeistertitel, 10-facher TT-Sieger. Ein Mann, der so schnell war wie stilvoll. Doch als 1972 sein Freund Gilberto Parlotti im Snaefell Mountain Course sein Leben ließ, zog "Ago" die Reißleine. Er boykottierte die Insel und überlebte. Heute blickt die lebende Legende auf über 80 Jahre vollgepumptes Benzin-Leben zurück.
Und dann gibt es das Phänomen Michael Dunlop. Der Mann hat über 30 TT-Siege auf dem Konto und fährt, als hätte er eine persönliche Fehde mit der Physik. Trotz des unermesslichen Schmerzes in seiner eigenen Familie ist Michael gesund, aktiv und jagt weiterhin mit Vollgas durch die Hecken von Douglas. Auch Helden wie John McGuinness (23 Siege), Rekordhalter Peter Hickman oder "Five-in-a-week"-Legende Ian Hutchinson beweisen: Man kann dem Sensenmann auf der Insel die Stirn bieten und am Abend noch ein kaltes Pint im Pub trinken.
Wie viele Verrückte passen auf die Insel?
Bei den Hauptrennen der Superbikes stehen exakt 50 Starter auf dem Grid. In den kleineren Soloklassen (Supersport, Superstock, Supertwin) sowie bei den Gespannen dürfen maximal 60 Fahrzeuge auf die Piste. Pro Eventwoche quetschen sich insgesamt gut 100 bis 120 Racer durch die Qualifikation, immer einzeln im 10-Sekunden-Takt auf die Strecke geschickt. Kein Ellbogenduell Rad-an-Rad, sondern der reinste Kampf gegen die Uhr und das eigene Schicksal.
Der Preis des Ruhms – Der Schatten über dem Snaefell
Wir dürfen die Augen nicht verschließen. Der Straßenrennsport fordert seinen Tribut, brutal, ehrlich und ohne Vorwarnung. Kein Ort der Welt hat mehr Helden geschluckt als der Snaefell Mountain Course oder die irischen Landstraßen der North West 200.
Tragischstes Kapitel dieser Geschichte ist ohne Zweifel die Dunlop-Dynastie. Onkel Joey Dunlop, mit 26 TT-Siegen der unangefochtene King der Insel, überlebte jede Straßenkuppe auf Man, um dann im Jahr 2000 bei einem Regenrennen im estnischen Tallinn tödlich zu verunglücken. Sein Bruder Robert erlag 2008 seinen Verletzungen beim Training zur North West 200. Und Roberts Sohn William verunglückte 2018 beim Skerries 100 in Irland.
Unvergessen bleiben auch Namen wie David Jefferies, der gigantische Publikumsliebling der frühen 2000er, Dan Kneen, Simon Andrews oder erst 2023 der Spanier Raul Torras Martinez. Sie alle wussten um das Risiko. Sie fuhren trotzdem. Weil dieses Gefühl, auf zwei Rädern durch ein enges Dorf mit Dreihundert zu fliegen, durch nichts auf dieser Welt zu ersetzen ist.
Auf dem berühmt-berüchtigten Snaefell Mountain Course auf der Isle of Man gab es seit den ersten Rennen über 280 Todesfälle.
Davon Rennfahrer / Piloten: Über 265 Fahrer (Solo- und Gespannfahrer) kamen bei offiziellen Trainings- oder Rennläufen ums Leben.
Weitere Opfer: Zu den übrigen Opfern gehören Streckenposten (Marshals), Offizielle sowie Zuschauer, die bei Unfällen am Streckenrand tödlich getroffen wurden.
Die Unfälle verteilen sich auf die verschiedenen Rennen, die auf demselben 60,7 Kilometer langen Straßenkurs stattfinden:
Isle of Man TT (Tourist Trophy): Seit 1907 gab es im Rahmen der Haupt-TT über 150 tödliche Unfälle.
Manx Grand Prix & Classic TT: Die restlichen Todesfälle ereigneten sich beim Manx Grand Prix (dem Amateur- und Nachwuchsrennen auf demselben Kurs im Spätsommer) sowie bei historischen Rennen.
Der erste Tote: Der erste verunglückte Fahrer war der Engländer Victor Surridge, der im Training zur TT im Jahr 1911 verstarb.
Tödlichstes Jahr: Das traurigste Jahr in der Geschichte der Rennstrecke war 2005, als insgesamt 11 Menschen (über die TT und den Manx GP verteilt) ihr Leben ließen.
Nichts für schwache Nerven: Seit 1937 gab es nur ein einziges Jahr (1982), in dem auf dem Mountain Course kein einziger Fahrer oder Beteiligter tödlich verunglückte.