Überlappung von Gas und Vorderbremse
Lorenzo erklärt, dass Rossi beim Anbremsen aus dem sechsten Gang den Gashahn nicht schlagartig schloss, um erst danach den Bremshebel zu ziehen. Stattdessen baute Rossi bereits Druck auf die Vorderbremse auf, während der Gasgriff noch zu etwa 5 % geöffnet war. Durch diese feine Überlappung stabilisierte er das Motorrad in der Anbremsphase, ohne den Fluss im Kurveneingang zu unterbrechen.
Valentino Rossi ist Linkshänder, allerdings mit einer Besonderheit.
Wie er 2021 im Interview mit dem britischen Sender BT Sport verriet, ist er beidhändig (ambidextrisch) veranlagt. Er kann also fast alle Tätigkeiten mit der rechten Hand ebenso präzise ausführen wie mit der linken.
Keine Frage des Mutes, sondern der Handgröße
Als Lorenzo versuchte, diese Technik zu adaptieren, stieß er auf ein ganz pragmatisches, physisches Hindernis:
"Als ich es ausprobierte, merkte ich, dass es mir körperlich gar nicht möglich war, Valentino hat noch dazu viel größere Hände. Für ihn war dieser Bewegungsablauf extrem leicht."
Da Lorenzo die Hebel aufgrund kleinerer Hände nicht gleichzeitig auf diese Weise greifen und dosieren konnte, musste er einen eigenen Bremsstil perfektionieren: Frühes, sauberes Anbremsen, weite Linien und extrem hohe Kurvengeschwindigkeit.
Die berühmte Garagenwand und die Rivalität
Lorenzo blickt auch auf die wohl angespannteste Phase bei Fiat Yamaha zurück, als ab 2008 eine Trennwand die Box der beiden Stars teilte (ursprünglich wegen unterschiedlicher Reifenhersteller, Bridgestone bei Rossi, Michelin bei Lorenzo). Wie Rossi Jahre später einräumte, brachte die Wand sportlich wenig, da Telemetriedaten dennoch flossen.
Das Duell der beiden endete nach sieben gemeinsamen Jahren unentschieden: Beide holten in dieser Zeit jeweils zwei WM-Titel für Yamaha. Das Kuriose daran ist, dass die Rivalität Jahre später durch ein fast schon komisches Detail bereichert wird: Sie stritten über Telemetrie, Einstellungen, geteilte oder verweigerte Daten, und am Ende war das einzige wahre Betriebsgeheimnis eines, das sich nicht auf einer Festplatte speichern ließ: Valentinos Hände.
Quelle:
Das YouTube-Video „Jorge Lorenzo: Lo que nunca contó sobre MotoGP, Márquez, Rossi y el futuro de Victor Cubeles“ vom Kanal Fast & Curious ist ein ausführliches Gespräch mit dem fünffachen Motorrad-Weltmeister Jorge Lorenzo und seinem Schützling Victor Cubeles im MotorLand Aragón.
Die wichtigsten Highlights & Schlüsselerkenntnisse
Neues Kapitel als Mentor & Coach [01:48]
Nach dem Ende seiner aktiven Karriere betreut Lorenzo das Nachwuchstalent Victor Cubeles. Er legt großen Wert auf körperliche Grundfitness (Kardio, Eigengewichtsübungen) und die Anpassung der Fahrtechnik für leichte Moto3-Bikes (kompaktere Sitzposition statt extremes Abhängen).
Fahrtechnische Geheimnisse von Marc Márquez [13:43]
Lorenzo erklärt, dass Márquez in Linkskurven unfehlbar ist. Seine Fähigkeit, die Bremse am Kurveneingang extrem spät loszulassen und das Bike mit hoher Geschwindigkeit hineinzuziehen, beruhe auf einem einzigartigen natürlichen Talent. In Rechtskurven sei Márquez hingegen angreifbar gewesen.
Rossis Anbrems-Trick und die körperliche Grenze [14:23]
Lorenzo versuchte während seiner Karriere, gewisse Kniffe von Valentino Rossi zu kopieren, etwa Rossis Angewohnheit, bei Vollgas im 6. Gang knapp vor dem Bremspunkt bereits leicht den Bremshebel anzulegen. Lorenzo scheiterte an diesem Versuch schlichtweg daran, dass Rossis Hände deutlich größer waren und er den Hebel dadurch früher und präziser greifen konnte.
Emotionale Achterbahnfahrt 2018 (Ducati & Honda) [27:58]
Als Ducati 2018 zögerte, seinen Vertrag zu verlängern, fühlte sich Lorenzo nicht wertgeschätzt und stand kurz vor einer Depression. Innerhalb von nur fünf Tagen wendete sich das Blatt komplett: Er unterschrieb bei Honda, siegte direkt danach beim Mugello-GP mit der Ducati und fuhr Bestzeiten beim Montmeló-Test – ein extremer Umschwung von Niedergeschlagenheit zu Euphorie.
Der Schicksalssturz in Assen 2019 & Rücktrittsentschluss [30:43]
Der schwere Sturz im Kiesbett von Assen 2019 war der finale Auslöser für sein Karriereende. Als er am Boden lag und keine Luft mehr bekam, entschied er noch im selben Moment: „Wenn ich wieder normal laufen kann, höre ich auf.“ Nach 18 Jahren unter extremem Leistungsdruck und Verletzungsrisiko empfand er den Rücktritt letztlich als Befreiung.
Tipps zum Risikomanagement für Nachwuchsfahrer [08:43]
Lorenzo gibt seinem Schützling klare Regeln mit: Im Qualifying solle Risiko primär beim Anbremsen eingegangen werden, da Rutschversuche über das Vorderrad meist glimpflicher ausgehen als Highsider beim Herausbeschleunigen. Zudem rät er Rennfahrern strikt davon ab, als Training Rennrad auf öffentlichen Straßen zu fahren, um unnötige Lebensgefahr zu vermeiden.
Erinnerungen an den MotorLand Aragón [18:53]
Lorenzo blickt auf seine Siege in Aragón zurück, insbesondere auf das dramatische Flag-to-Flag-Regenrennen 2014 sowie den Sieg 2015, bei dem er den berühmten „Hai“-Jubel als Antwort auf Valentino Rossis Helmdesign zeigte.