Ich blieb stehen. Nicht, weil ich ein Motorrad suchte, sondern weil mich der Anblick einer Maschine, die mehr „Dakar-DNA“ besitzt als eine ganze Karawane in Mauretanien, schlichtweg entwaffnete.
„Nur schauen“, murmelte ich dem Verkäufer zu, einem jungen Mann mit dem enthusiastischen Blick eines Missionars. „Ich studiere lediglich die moderne Metallurgie.“
Er lächelte wissend. „Das hier ist keine Metallurgie“, flüsterte er. „Das ist die ultimative Freiheit ohne Kompromisse.“
Ich betrachtete das WP XPLOR PRO Fahrwerk. Die Gabeln vorn (Typ 7548 mit Cone Valve Technologie) und das Federbein hinten (6746) sahen so vertrauenerweckend aus, dass man damit vermutlich über einen Trümmerhaufen fahren könnte, ohne den Tee in der Tasse zu verschütten. Mit 270 mm Federweg ist diese Maschine darauf ausgelegt, die Schwerkraft eher als höfliche Empfehlung denn als Gesetz zu betrachten.
„Beachten Sie den Motor“, sagte der Missionar und deutete auf den 889 ccm Parallel-Twin.
Ich tat so, als verstünde ich etwas davon. In Wahrheit las ich die technischen Daten von einem kleinen Schild ab, während ich versuchte, kompetent zu nicken:
Leistung: 105 PS (77 kW) – genug, um die Erdrotation kurzzeitig zu stören.
Drehmoment: 100 Nm – damit könnte man wahrscheinlich ein kleines Dorf in den Hügeln von Galiläa abschleppen.
Sitzhöhe: 910 mm – Man braucht ein Visum, um dort oben atmen zu dürfen.
Gewicht: 200 kg (trocken) – was bedeutet, dass sie sich leichter anfühlt, als mein Gewissen nach einer Steuererklärung.
Besonders faszinierte mich der Akrapovič-Endschalldämpfer aus Titan. Er glänzte so edel, dass er in jedem Museum für moderne Kunst eine gute Figur gemacht hätte. Daneben die Excel-Felgen (Heavy Duty, versteht sich), die so stabil wirken, dass sie selbst den Zorn eines israelischen Busfahrers unbeschadet überstehen würden.
„Möchten Sie probesitzen?“, fragte der Verkäufer.
„Um Himmels Willen, nein!“, rief ich. „Ich bin ein Familienvater! Ich habe Verpflichtungen!“
Ich starrte auf das 5-Zoll-TFT-Display, das vermutlich mehr Rechenleistung besitzt als die gesamte Zentrale der israelischen Post. Es beherbergt das Tech Pack, inklusive Rally-Mode und Quickshifter+. Man kann schalten, ohne die Kupplung zu berühren – eine Erfindung für Leute, die im Leben ohnehin schon genug zu tun haben.
Ich drehte mich um und ging. Schnell. Denn ich wusste: Wenn ich noch eine Minute länger vor dieser limitierten Edition (nur 700 Stück weltweit, wie mir das Schild hämisch mitteilte) stünde, würde mein Verstand einen Fluchtplan schmieden, der selbst die strengsten Haushaltsgesetze unterwandern würde.
Ich besitze sie nicht. Ich habe sie nicht einmal berührt. Aber seit diesem Vormittag träume ich in KTM-Orange und meine Beine machen im Schlaf unwillkürliche Bewegungen, als suchten sie die Rally-Fußrasten. Es ist ein Jammer. Ein Mann ohne Motorrad ist wie ein Fisch ohne Fahrrad – aber ein Mann vor einer KTM 890 Adventure R Rally ist ein Fisch, der plötzlich den Ozean entdeckt hat.